97% meiner Facebookfreunde trauen sich nicht…

„Ich Wette, 97% meiner Freunde trauen sich nicht, das in Ihren Status zu kopieren!”

So, oder ähnlich ziert dieser Satz viele Facebookpostings in meinem Bekanntenkreis und oft, sehr oft juckt es in meinen Fingern, die Leute zu entfolgen – pardon, zu entfreunden.

Es hat nichts mit trauen, oder besser gesagt Mut zutun, daß ich die von meinen Bekannten geposteten Sachen nicht in meinen Status kopiere. Viel eher hat es damit zutun, daß ich erstens nicht Walter von und zu Guttenberg heisse, der mit Copy und Paste seine Werke verfasst und zweitens, nicht dumm genug dafür bin. Ja, richtig gelesen, da steht nicht dumm genug! Diese Erkenntnis wird nun für den Ein oder Anderen arrogant klingen, aber offengestanden tangiert mich das nicht wirklich.

Meist handelt es sich bei diesen „97% trauen sich nicht”-Postings um dümmliche Stammtischgesprächsfetzen, wie zum Beispiel ein Aufruf an Frau Merkel, kein Geld in Drittländer zu pumpen, wenn doch hier die Leute hungern müssten.

Der Anteil der Leute, die in unserem Land hungern müssen ist verschwindend gering und meist der eigenen Dummheit zu zuschreiben. Ausnahmen bestätigen hier im Übrigen die Regel!

Wenn die Industriestaaten kein Geld in die Drittländer pumpen, sterben dort Menschen (Hunger und Verhungern sind zwei extreme Unterschiede) und am Ende stehen die Leute aus den Drittländern vor unserer Türe. Darauf will ich nun gar nicht näher eingehen und natürlich muss man etwas an den Zuständen in unserem eigenen Land ändern, ich werde einen Teufel tun und das bestreiten. Aber welcher Vollpfosten geht davon aus, dass Facebook zum Einen der richtige Ort für dieses Schreiben ist und zum Anderen Frau Merkel diesen Schwachsinn zu lesen bekommt?

Hätte das Schreiben aufgefordert, sich an Frau Merkel mit einem Brief direkt ins Kanzleramt zu wenden… Prima! Das könnte sogar etwas bewirken, auch wenn ich die Meinung derer nicht teile – muss ich aber auch nicht. Jedenfalls, am besten noch unter einem Pseudonym verfasst, ist solches Posting nur ein nerviges Kopieren und Einfügen von Leuten, die meist selbst nicht im Stande sind einen vernünftigen Satz, bzw. Brief zu verfassen.

Die Leute müssen sich aber auch vor Augen halten, daß solches „Zeige Betroffenheit!”, „mach mit!”-Zeug sehr schnell den gegenteiligen Effekt bewirken kann. 100 Leute im Facebookbekanntenkreis (auch wenn Facebook von Freunden redet) und 25 mal der gleiche, mit geistigem Dünnpfiff angereicherten, Schwachsinn.

Überhaupt ist Facebook nicht unbedingt der richtige Ort um eine tiefgreifende, interessante Diskussion zu führen. Die Zeichenanzahl in einem Beitrag ist begrenzt und das Niveau, seitdem sich Wer-kennt-wen in der Bedeutungslosigkeit verabschiedete, durch Zulauf aus WKW, stark gesunken. Man kann es den Leuten nicht übel nehmen, wenn sie mit wehenden Fahnen zu Google+ abwandern, weil dort das Niveau etwas höher als bei Facebook angesiedelt und nicht an jeder Ecke solch „97% meiner Bekannten trauen sich nicht das in ihren Status zu schreiben”-Schwachsinn zu vernehmen ist. Die Hoffnung, daß das so bleibt ist aber verschwindend gering, wird aber durch das Circle-Feature etwas abgefedert.

Natürlich kann man die Leute mit ihrem Copy & Paste-Krempel entflogen/entfreunden, doch bei Facebook steht man dann wohl recht schnell alleine auf weiter Flur, zumal ja nicht nur Schrott von den Leuten gepostet wird.

Kommen wir aber nun zum Grund meines Blogposts.

Heute durfte ich in meiner Timeline folgenden Status bei einem ehemaligen Schulkameraden lesen:

„Im Namen des Volkes !! ? Wessen Volkes??? Ein Kindsmörder bekommt 3000 Euro Schmerzensgeld weil seine Menschenwürde nicht geachtet wurde und ihm bei seiner Vernehmung mit Folter gedroht wurde. Welch ein Hohn ! Was ist mit der Würde des Kindes und der Familie ? Wer gegen dieses Urteil ist kopiert dies bitte auf seine Pinnwand”

Nicht ganz einer dieser „97% haben nicht die Eier”-Postings, aber mit dem gleichen faden Beigeschmack – total verkorkste Interpunktionszeichensetzung, schlechte Komposition im zweiten Satz dank dem doppelten Verwenden des Wortes Wurde und vor allen Dingen wieder dieser Stammtischstil.

Wer solch Dinge in seinem Status postet, sollte erst nachdenken was er damit fordert.

Wir leben in einem Rechtsstaat in dem Gesetze gelten die jeder zu befolgen hat. Passen einem diese Gesetze nicht, steht es jedem frei, sein Leben fortan in irgendeinem Bananenstaat zu fristen.

Ich kann voll und ganz jeden verstehen, der solchem Verbrecher Gewalt androht. Bevor das „wenn Du Kinder hättest…” kommt – was gerne angeführt wird –, ich habe sechs Kinder und kann mich dementsprechend in die Lage der Eltern versetzen. Und ich hätte Gäfken sicherlich nicht nur Folter angedroht.

Dennoch ist Folter in diesem Land, zu Recht, verboten und unter Strafe gestellt. Ja, auch bei Kindsmördern und auch bei dem weiteren Abhub dem Menschheit, Kinderschändern. Aber, wer aufmerksam ist hat es bereits erkannt – Gäfken war zu dem Zeitpunkt der Drohung ein Kindesentführer, der man übrigens für die Polizei schnell werden kann! Das heißt, die Hemmschwelle der drohenden Beamten begann bei einem Kindesentführer zu fallen und nicht erst bei einem Kindermörder.

Wo bitte soll man denn nun die Grenze zwischen dem „Erlaubt” vs. „Nicht erlaubt” ziehen? Wenn man an dieser Schraube dreht, dreht man irgendwann an der Schraube der Foltermethoden und so ist am Ende das, überspitz dargestellt, Kreuzigen im nackten Zustand auf dem Dorfplatz erlaubt, wenn Tante Käthes Neffe mit seinen Freunden bekifft in den Supermarkt einbricht – mit freundlicher Unterstützung des werten Herrn Bürgermeisters wird dann die Kreuzigung feierlich nach der Sonntagsmesse vollzogen.

Nein, man sollte an dieser Grenze, auch wenn es sehr oft schwerfällt, nicht drehen. Wer dies gut heissen mag, spielt unserer Regierung in die Hände, die vor nicht allzulanger Zeit an unserem Grundgesetz herumpfuschen wollte.

Nein, es ist nicht zu unserem Wohl, wenn wir an jeder Strassenecke überwacht werden.
Nein, es ist nicht zu unserem Wohl, wenn die Exekutive unsere Mobilfunkdaten zur Verbrechensaufklärung bekommt.
Nein, es ist nicht in Ordnung, wenn wir Websperren einführen.

In den USA gibt es m.W.n. den so genannten Patriot Act, der helfen soll (an den ich nicht so recht glauben mag) Terror zu bekämpfen. Diese Bestimmung erlaubt den Behörden erweiterte Rechte, und diese Rechte werden öfter mal genutzt, aber eben auch für Straftäter, die weit, weit weg von Terrorzellen, bzw. dem Terror sind. Da wird eben mal kurz das Kaninchen aus dem Hut gezaubert.

Oder ein anderes Stichwort: Guantanamo. Wer denkt, daß die Leute, die dort in menschenunwürdigen Bedingungen wie Vieh gehalten und gefoltert wurden, alle schuldig waren, sollte sich mal einen Realitätschip neuster Baureihe einbauen lassen.

Und dann gibt es noch diese Menschen, in diesem unserem Lande, welche krank sind. Sie dackeln zu den Behörden, bezichtigen sich selbst dessen, was sie an Gräueltaten in den Medien vernommen haben. Happy Kreuzigung?

Und dann die Fehlurteile, bei den Leute für Jahre hinter Gitter sitzen, weil sie eben zu gut ins Profil passten. Happy Kreuzigung? Und am Ende kommt dann Arnold Schwarzenegger im Sportdress um die Ecke – Running Man! Ob man 9Live zu früh beerdigt hat? Das ehemalige Klientel hätte sich sicherlich daran aufgegeilt, ehmm erheitert, einen als Kinderschänder verurteilten Unschuldigen im eigenen Blut zu Gründe gehen zu sehen.

Interessant, da sich vor allem das Fussvolk so stark für den Einsatz von Folter macht, wäre auch noch Folgendes zu wissen: Hätten sich die Beamten, die Gäfken Folter androhten, auch so engagiert, wenn es nicht der Sohn von einem Herrn von und zu gewesen wäre, sondern von einem ALG2-Bezieher? Eigentlich ist Justizia blind, aber dummerweise nur eigentlich und so ist das gefällte Urteil zu Gunsten Gäfken zu begrüßen. Vor Augen sollte man sich auch halten, dass die Kosten des Strafvollzuges für Herrn Gäfken sicherlich die 3.000€ Schmerzensgeld pro Monat übersteigen. Gegen erweitertes Steineklopfen, damit der Staat irgendwann im Plus endet, dagegen hätte ich persönlich nichts einzuwenden…

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Hallo, mein Name ist Jeanot und bin der Urheber dieses Blogs. Ich schreibe über Themen die mich bewegen, oder aktuell interessieren. Sicherlich ergeben sich dabei Meinungen die nicht dem Mainstream entsprechen – aber auch nicht müssen. Als Programmierer befasse ich mich mit PHP und Java. Man könnte mich als Geek bezeichnen. Seit dem siebten Lebensjahr (geboren im Januar 1974 in Mainz) habe ich mit Computern und allem was dazugehört zu tun. Zwischenzeitlich lebe ich mit meiner Familie im Spessart.

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Der Anteil der Leute, die in unserem Land hungern müssen ist verschwindend gering

    Verdammt… Gestern saß ich noch TAZ-lesend mit meiner Freundin am Bahnhof und hab was ganz ähnliches gesagt. Selbst an der Armutsgrenze hat man hier eine Auswahl, die man gar nicht nutzen kann. Selbst wenn es nicht mehr für den Netto ums Eck reicht, reicht es immer noch, um zu Fuß zur Lebensmitteltafel zu gehen…

  2. Ich habe zwar kein Verständnis für die Tat, jedoch unterstütze ich jeden der eine Therapie benötigt und diese auch innerlich annimmt.

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